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 © Foto: D. Beranek

Uschi Korda Interview: "Alt-Erlaa ist leistbarer Luxus"

Für ihr Buch „Glücklich Wohnen – Wiener Alltag im Wohnpark Alt-Erlaa“ sprach Uschi Korda mit 50 Menschen, die in Alt-Erlaa leben oder arbeiten. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Wohnparks traf „FAIRLIVING“ die Wiener Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher wenige Tage vor den großen Feierlichkeiten zum Interview.

FAIRLIVING: 

Sie haben für Ihr Buch mit Menschen gesprochen, die im Wohnpark Alt-Erlaa leben oder arbeiten. Vermutlich kennt fast jede Wienerin und jeder Wiener den Wohnpark zumindest von außen. Jetzt, wo Sie genau hingeschaut haben: Was hat Sie bei Ihren Begegnungen in Alt-Erlaa besonders überrascht? Hat sich dein persönliches Bild von Alt-Erlaa durch deine Arbeit am Buch verändert?

Uschi Korda: 

Wenn man nicht selbst in Alt-Erlaa lebt, kennt man den Wohnpark meist aus der Ferne. Ich persönlich habe seit meiner Jugend einen Bezug zu den Hochhäusern: Wenn man auf Urlaub in den Süden gefahren ist, haben einen die beeindruckenden Türme gewissermaßen begrüßt oder verabschiedet – sie waren für mich so etwas wie das „Tor zu Wien“. Aber wenn man immer nur an ihnen vorbeifährt, hat man natürlich keine wirkliche Vorstellung davon, wie das Leben dort aussieht.

Überrascht hat mich vor allem, wie viel Raum es in Alt-Erlaa gibt. Auch die Gänge sind so konzipiert, dass jeweils nur eine kleine Gruppe von Wohnungen eine Einheit bildet. Die Menschen kennen einander, es gibt keine endlos langen Gänge. Und zwischen den Wohnblocks ist es unglaublich weitläufig und grün.

Was mir auch nicht bewusst war: Wie gut die Hausbetreuung im Wohnpark funktioniert. Das ist ein Service, den man als Mieterin oder Mieter anderswo kaum kennt. Wenn es ein dringendes Problem gibt, ist in Alt-Erlaa innerhalb kürzester Zeit jemand da, der sich auskennt und es beheben kann.

Dazu kommen Angebote wie die Müllentsorgung und das Altstoffsammelzentrum. Statt alles selbst zu einer Sammelstelle bringen und sortieren zu müssen, fährt man mit dem Einkaufswagen hinunter und kann es dort abgeben.

Von außen kennt man natürlich die berühmten Schwimmbäder auf den Dächern. Was man aber erst vor Ort wirklich versteht, ist dieser umfassende Wohnkomfort: wie viele kleine Lästigkeiten des Alltags einem abgenommen werden. Das hat mich wahrscheinlich am meisten überrascht.

FAIRLIVING: Wie kam es ursprünglich zur Idee, dieses Buch zu schreiben?

Uschi Korda:

Die GESIBA macht zu großen Jubiläen immer etwas Besonderes. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Wohnparks entstand die Idee, dazu ein Buch zu machen.

Die Vorgabe war, dass es „menscheln“ sollte. Ein rein architektonisches Buch hätte wenig Neues erzählen können, denn die architektonischen Besonderheiten des Wohnparks Alt-Erlaa werden seit Jahrzehnten intensiv dokumentiert. Deshalb habe ich mir überlegt: Es sind 50 Jahre, die der Wohnpark nun alt ist – also erzählen wir doch die Geschichten von 50 Menschen, die dort leben.

Die Bewohnerinnen und Bewohner können das Erfolgsmodell Alt-Erlaa schließlich am besten erklären. Dazu gehören Menschen, die dort geboren wurden, Kinder von Bewohnern*innen, die zunächst wegziehen mussten, um das Leben dort später wieder schätzen zu lernen und zurückzukehren, und Erstbewohnerinnen und Erstbewohner, die bis heute in Alt-Erlaa leben und dort ihr gesamtes Umfeld haben. Diese Menschen können den Kosmos Alt-Erlaa am unmittelbarsten vermitteln.

Gemeinsam mit Brigitte Sack (Anm.: Obfrau der Alt-Erlaa-Vereine und Mitglied des Mieter*innenbeirates) habe ich anschließend die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner ausgewählt. Zu den Menschen, die vor Ort arbeiten, gab es bereits Kontakte. Einige Bewohnerinnen und Bewohner kannte ich persönlich, weitere Kontakte wurden von Brigitte Sack vermittelt.

FAIRLIVING:

Harry Glück wollte mit Alt-Erlaa gewissermaßen das „Wohnen der Reichen" für alle ermöglichen. Wo ist diese Idee 50 Jahre später in Alt-Erlaa für Sie am deutlichsten spürbar?

Uschi Korda:

Dass Harry Glück diesen Gedanken in Alt-Erlaa realisieren konnte, wird vor allem durch das hohe Maß an Wohnkomfort deutlich. Draußen hat es 40 Grad, man steigt in Alt-Erlaa in den Aufzug, fährt aufs Dach, schwimmt dort ein paar Runden, zieht den Bademantel an, fährt wieder hinunter und setzt sich zum Ausspannen auf die eigene Terrasse. Man muss nicht in ein öffentliches Freibad fahren, auch nicht in ein aufgeheiztes Auto steigen – und gleichzeitig hat man unglaublich viel Luft und Raum um sich herum. Darin wird Harry Glücks Idee für mich sehr deutlich.

Dazu kommt die Vielfalt der Wohnungen. In Alt-Erlaa gibt es 35 verschiedene Grundrisstypen, und die Menschen konnten sich eine Wohnform aussuchen, die zu ihren Bedürfnissen passt. Manche sagen: „Ich brauche keinen Garten“, und entscheiden sich für eine Wohnung weiter oben. Andere haben die großen Pflanztröge in den unteren Etagen so gestaltet, dass daraus beinahe ein eigener Garten entstanden ist, in dem man von den Nachbarn kaum etwas mitbekommt.

Es findet dort also jeder ein Stück weit die Wohnform, die zur eigenen Lebensweise passt. Und die Menschen, mit denen ich für das Buch gesprochen habe, waren mit ihrer Wohnsituation durchwegs sehr glücklich.

FAIRLIVING:

Alt-Erlaa entstand im selben Jahrzehnt wie andere große Wiener Wohnanlagen, etwa der Rennbahnweg in der Donaustadt oder das Schöpfwerk. Trotzdem haben sich diese Anlagen teils unterschiedlich entwickelt. Warum ist Alt-Erlaa Ihrer Ansicht nach anders gealtert?

Uschi Korda:

Ein wichtiger Faktor ist meiner Ansicht nach die Mietstruktur. Alt-Erlaa besteht aus Genossenschaftswohnungen. Dafür braucht man zunächst ein gewisses Kapital, selbst wenn man dieses über einen Kredit finanziert. Gleichzeitig ist man Teil einer Genossenschaft und hat ein Mitspracherecht.

Dieses Mitspracherecht haben die Menschen auch tatsächlich genutzt. In den 1990er-Jahren sollte die Hausbetreuung vor Ort aus Kostengründen ausgelagert werden. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben sich massiv dagegen gewehrt, weil sie nicht wollten, dass Hausbetreuung und Hausverwaltung aus Alt-Erlaa verschwinden. Der Beschluss wurde schließlich revidiert.

Dass diese Betreuung bis heute vor Ort ist, halte ich für einen wesentlichen Punkt. Auch in anderen Städten gibt es große Wohnanlagen, die mit ähnlichen Visionen entstanden sind. Wenn sich aber niemand konsequent um die Instandhaltung kümmert, verändert sich ein Ort schnell: Dinge werden nicht repariert, der öffentliche Raum wird vernachlässigt und die Atmosphäre verschlechtert sich. In Alt-Erlaa wird dagegen laufend darauf geachtet, dass alles in gutem Zustand bleibt.

Dazu kommt ein starkes Verantwortungsgefühl der Bewohnerinnen und Bewohner: Das ist unser Alt-Erlaa, und wir schauen gemeinsam darauf, dass es lebenswert bleibt.

Ich habe mit Menschen gesprochen, die schon 1976 eingezogen sind, den sogenannten „Ureinwohnern“. Alt-Erlaa war damals keineswegs unumstritten, sondern wurde von außen stark kritisiert. Je heftiger die Kritik wurde, desto enger sind die Bewohnerinnen und Bewohner offenbar zusammengerückt. So entstanden ein Stolz auf diesen Ort und ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Ich glaube, dass sich dieses „Wir-Gefühl“ auf die nachfolgenden Generationen dann sozusagen übertragen hat.

FAIRLIVING:

Von den 50 Menschen, die Sie für das Buch porträtiert haben: Gibt es eine Begegnung oder eine Geschichte, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Uschi Korda:

Nein, ich möchte eigentlich keine einzelne Person oder Begegnung besonders hervorstreichen. Mich haben alle Geschichten auf ihre eigene Art und Weise fasziniert. Das Leben an sich ist spannend, besonders das individuelle Leben der Protagonist*innen. 

Alle Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hatten einfach etwas Besonderes zu erzählen. Sie haben an etwas Besonderes geglaubt oder etwas Besonderes gemacht. Deshalb könnte ich keine einzelne Begegnung auswählen. Sie haben mich alle gleichermaßen fasziniert, und die Arbeit mit Ihnen für dieses Buch war wunderbar.

Ich war im Zuge meiner Arbeit nun so oft in Alt-Erlaa und habe dort mit so vielen Menschen gesprochen, dass ich beinahe schon einen eigenen Meldezettel hätte haben können.

FAIRLIVING:

Das Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl scheint in Alt-Erlaa besonders hoch zu sein. Woran liegt das? 

Uschi Korda:

Zum einen trägt sicher das einzigartige Vereinsleben sehr stark dazu bei, weil die Menschen einander dort kennenlernen und miteinander in Kontakt kommen.

Eine wichtige Rolle spielt aber auch die ursprüngliche Planung von Harry Glück. Seine Idee war, dass jeweils zwei Stiegen in Alt-Erlaa eine Einheit bilden. Aufgrund der Bauweise mit den Pflanztrögen gibt es im Inneren fensterlose Bereiche, in denen unter anderem Hallenbäder und Gemeinschaftsräume untergebracht sind. Ursprünglich sollten diese Räume jeweils nur den Bewohnerinnen und Bewohnern zweier zusammengehörender Stiegen zur Verfügung stehen.

Die Erstbewohnerinnen und Erstbewohner wollten das jedoch nicht. Sie schlugen stattdessen vor, die Räume thematisch zu nutzen und für alle im Wohnpark zu öffnen.

Das war für die Entwicklung der Gemeinschaft vermutlich entscheidend: Wären die Gemeinschaftsräume jeweils nur zwei Stiegen zugeordnet geblieben, hätten sich eher viele kleinere Gemeinschaften gebildet. Durch die gemeinsame Nutzung entstanden hingegen Begegnungsmöglichkeiten über den eigenen unmittelbaren Wohnbereich hinaus.

Alt-Erlaa ist mit seinen heute rund 9.000 Einwohnerinnen und Einwohnern eigentlich wie eine Kleinstadt. Dass alle Zugang zu den verschiedenen Vereinen und Gemeinschaftsräumen haben, hat sicher stark dazu beigetragen, dass sich trotz dieser Größe der Anlage relativ rasch ein starkes Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl entwickeln konnte.

FAIRLIVING:

Alt-Erlaa wird derzeit saniert, ökologisiert und für die Zukunft gerüstet. Gleichzeitig lebt der Wohnpark von Strukturen, die bereits seit Jahrzehnten bestehen. Wo sehen Sie den Wohnpark Alt-Erlaa in weiteren 50 Jahren?

Uschi Korda:

Ich glaube, dass es das Vereinsleben auch in 50 Jahren noch geben wird. Verändern tut es sich allerdings bereits heute. 

Aus dem einstigen Handarbeitsverein ist beispielsweise ein Kreativverein geworden, der nun auch jüngere Menschen. Es gibt "Urban Gardening" und Angebote, bei denen Geräte wie Bohrmaschinen gemeinsam genutzt oder ausgeliehen werden können.

Auch der Seniorenverein hat sich stark verändert. Statt sich nur zu Kaffee und Kuchen zu treffen, unternehmen die Mitglieder nun Stadtwanderungen, organisieren Fitnessangebote oder treffen sich zum Gedächtnistraining. Die Menschen und ihre Bedürfnisse verändern sich – und die Vereine entwickeln sich mit ihnen weiter. 

Ähnliches gilt für die Grünräume. Heute wird wesentlich umweltbewusster geplant als vor 50 Jahren. Wenn Bäume ersetzt werden, achtet man etwa stärker auf Hitze- und Trockenheitsresistenz. Auch die Energieversorgung ist ein großes Zukunftsthema.

Man muss allerdings sagen, dass Alt-Erlaa bereits vor 50 Jahren ausgesprochen zukunftsweisend war. Dass zum Beispiel die Garagen unter der Erde liegen und sich die Menschen oberirdisch weitgehend autofrei bewegen können, war seiner Zeit weit voraus.

Die Nahversorgung funktioniert ebenfalls sehr gut: Supermarkt, Apotheke und andere wichtige Einrichtungen sind zu Fuß erreichbar. Vielleicht könnte sich das gastronomische Angebot noch weiterentwickeln.

Ich glaube, dass Alt-Erlaa auch in 50 Jahren sehr gut funktionieren wird, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner den „Spirit of Alt-Erlaa“ weitertragen und zugleich weiterentwickeln. Auch die Umgebung wächst: Die Türme stehen längst nicht mehr allein auf der grünen Wiese, sondern sind Teil eines wachsenden Stadtentwicklungsgebiets. Die besondere Qualität Alt-Erlaas könnte dabei dieselbe bleiben: sich zu verändern, ohne die ursprüngliche Idee des gemeinschaftlichen Wohnens zu verlieren.

FAIRLIVING:

Wie würden Sie Alt-Erlaa in drei Worten beschreiben?

Uschi Korda:

Wenn ich statt drei Wörtern einen Satz sagen dürfte, wäre es: „Alt-Erlaa ist leistbarer Luxus“. Das Faszinierendste ist für mich, dass dort viele Lästigkeiten des Alltags wegfallen.

Die Hausbetreuung ist rund um die Uhr erreichbar. Wenn etwas dringend repariert werden muss, kommt rasch jemand vorbei und kleinere Probleme werden spätestens am nächsten Tag erledigt.

Man hat Ruhe, Platz, Schwimmbäder und eine gute Versorgung – und ist trotzdem in etwa 20 Minuten im Zentrum. Ich wohne im Zentrum von Wien und bin während der Arbeit an dem Buch kein einziges Mal mit dem Auto nach Alt-Erlaa gefahren. Mit U4 und U6 war ich in rund 20 Minuten dort.

Das ist für mich der eigentliche Luxus: Man hat vieles direkt vor Ort und ist gleichzeitig schnell bei den Museen, Universitäten, Theatern und Konzertsälen in der Innenstadt.

 © Copyright: Molden-Verlag
 © Foto: H. Eisenberger
 © Foto: H. Eisenberger