Interview Brigitte Sack: „Bei uns sind alle willkommen“
Eigentlich kam Brigitte Sack einst der Liebe wegen in die Bundeshauptstadt. Aufgewachsen in der 4200-Seelen-Gemeinde Hallwang im Bezirk Salzburg-Umgebung lebt sie seit 1989 im Wohnpark Alt-Erlaa, der mehr als doppelt so viele Einwohner*innen zählt wie ihr Heimatort. „Alt-Erlaa verbindet für mich all die Vorzüge eines Lebens in der Großstadt mit der Intimität und Nachbarschaftlichkeit einer kleinen Gemeinde“, erzählt Sack. Heute leitet die engagierte Großmutter von 15 Enkelkindern den Fitness- und Gymnastikclub und fungiert als Obfrau von insgesamt 30 Vereinen, die im Wohnpark Alt-Erlaa aktiv sind.
Pünktlich erscheint der Interviewer beim vereinbarten Treffpunkt: vor der Filiale einer Wiener Bäckerei im Kaufpark der Wohnanlage. Er wird von Brigitte Sack schnell als Ortsfremder ausgemacht. „Ich erkenne schon von weitem, wenn jemand nicht in Alt-Erlaa lebt“, schmunzelt sie. Der Wohnpark Alt-Erlaa, bekannt weit über die Wiener Stadtgrenzen hinaus, feiert heuer sein 50-jähriges Jubiläum. Ausziehen, so Brigitte Sack, würde sie von hier nur, wenn man sie dazu zwingt.
Ein lebendiger, von Gemeinschaft geprägter Mikrokosmos
Unter der Oberfläche des Wohnparks Alt-Erlaa verbirgt sich weit mehr als nur ein außergewöhnliches Wohnprojekt – es ist ein lebendiger Mikrokosmos, geprägt von Gemeinschaft, Engagement und einer beeindruckenden Vielfalt an Möglichkeiten für die Menschen, die hier leben. Eine zentrale Rolle für dieses Gemeinschaftsgefühl spielt die große Vielfalt an Vereinen, die im Wohnpark angesiedelt sind.
„Wir haben eine neue Obfrau“
Als Obfrau des Fitness- und Gymnastikclubs sowie des Dachverbands, den sie gegenüber der Hausverwaltung vertritt, hat Brigitte Sack einen umfassenden Einblick in die Diversität des Vereinslebens. Ihr eigener Weg dorthin begann eher zufällig: Im Turnclub von einer Mitturnerin angesprochen, fand sie sich kurz darauf auf einer Generalversammlung wieder. „Dort hat sie mich dann plötzlich und ungefragt als neue Obfrau vorgestellt“, erzählt Sack. Während der Corona-Zeit übernahm sie schließlich auch die Leitung des Fitnessclubs, der heute rund 600 Mitglieder zählt und künftig weiter ausgebaut werden soll, wie Sack erzählt.
Modellbau, Töpfern, Urban Gardening oder Jiu-Jitsu – für alle ist etwas dabei
Die Vereinslandschaft in Alt-Erlaa ist so divers wie die Menschen, die hier leben. Neben klassischen Sportvereinen gibt es auch kreative und außergewöhnliche Initiativen: einen Keramikclub mit drei Brennöfen, Urban-Gardening-Projekte mit gemeinschaftlich bewirtschafteten Hochbeeten , den Kinder- und Jugendclub, den Bridgeclub, der mittlerweile um einen Brettspielclub erweitert wurde, den Seniorenclub „fitgedacht“ oder den Modellbauverein, der einen besonders hohen Bekanntheitsgrad genießt. „Es gibt sogar einen Modellauto-Rennsportclub, wo ganze Formel-1-Strecken nachgebaut werden und Rennen gefahren werden“, so Brigitte Sack.
Sportlich ist der Wohnpark ebenfalls stark vertreten , etwa durch den Jiu-Jitsu- oder den Tischtennisverein. „Unser Tischtennisverein ist nicht nur der größte, sondern auch einer der erfolgreichsten in ganz Wien“, berichtet Sack nicht ganz ohne Stolz.
Diese Vielfalt spiegelt auch die demografische Struktur wider. Es gibt traditionsreiche Vereine, die einst von den sogenannten „Ureinwohnern“ des Wohnparks aufgebaut wurden und heute wichtige Treffpunkte im Alter darstellen, oft barrierefrei zugänglich und damit für alle nutzbar. Gleichzeitig entstehen neue Formate, die gezielt junge Menschen und Familien ansprechen, und für die sich die jüngere Generation stark engagiert. Aus einem klassischen Handarbeitsclub wurde etwa ein moderner Kreativclub, in dem Kinder und Eltern gemeinsam gestalten, experimentieren und künftig sogar an Heimwerker- oder Fahrradreparatur-Workshops teilnehmen können.
Inklusion und gemeinschaftliches Miteinander statt Ausgrenzung
Besonders wichtig ist Brigitte Sack dabei eines: mit Vorurteilen aufzuräumen. Alt-Erlaa sei keineswegs ein Ort, an dem alle, die einst hier einzogen, nun einfach gemeinsam alt werden – vielmehr handle es sich um einen Querschnitt der gesamten Gesellschaft. Hier leben Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsschichten und Generationen Tür an Tür. Begegnungsräume wie die Dachbäder tragen dazu bei, soziale Barrieren abzubauen. Das war auch einer der zentralen Gedanken des Wohnpark-Architekten Harry Glück. „Im Bademantel auf dem Weg zum Pool am Dach sind der Generaldirektor und der Fliesenleger gleich. Das reduziert Berührungsängste, aber auch Ressentiments“, so Sack.
Auch im Fitnessclub wird dieses Prinzip aktiv gelebt. Offenheit und Inklusion stehen im Mittelpunkt – unabhängig von Alter, Fitnesslevel oder Lebenssituation. Das Angebot reicht von klassischen Trainingsmöglichkeiten bis hin zu speziellen Kursen wie „Fit mit Rollator“, die zeigen, wie viel Lebensfreude und Gemeinschaft auch im Alter möglich sind. „Wir kommunizieren offen, dass bei uns alle willkommen sind – unabhängig von Alter, Körperbau, sexueller Orientierung oder sportlichem Niveau. Unter unseren Mitgliedern finden sich Schlaganfallpatient*innen, Menschen mit Übergewicht, Personen mit COPD oder anderen gesundheitlichen Einschränkungen, aber auch junge Bewohner*innen mit leistungssportlichen Ambitionen.“, so die Obfrau.
Alt-Erlaa in drei Worten: Lebensqualität, Nachhaltigkeit, Mitgestaltung“
In drei Worten lässt sich für Brigitte Sack das Lebensgefühl in Alt-Erlaa spontan am besten mit „Lebensqualität, Mitgestaltungsmöglichkeit und Nachhaltigkeit“ umschreiben. Wenig später ergänzt sie schmunzelnd, dass drei Begriffe eigentlich nicht ausreichen würden, um Alt-Erlaa gebührend in Worte zu fassen.
Für Sack ist das Vereinsleben ein oft unterschätzter Schlüssel für das soziale Gefüge im Wohnpark. Es schafft Begegnungen, fördert den Zusammenhalt und bietet Raum für Engagement. Umso wichtiger ist ihr der Blick in die Zukunft. „Für die Zukunft der Vereine wünsche ich mir, dass einerseits das Angebot für die älteren Menschen hier erhalten bleibt und dass gleichzeitig viele junge Menschen mit neuen Ideen und einem hohen Maß an Weltoffenheit für das Vereinsleben hier zu uns kommen“, so Sack.
Die Voraussetzungen dafür seien ideal – nicht zuletzt dank der guten Zusammenarbeit mit der Hausverwaltung, die viele Projekte unterstützt und ermöglicht. "Die Vereine gibt es dieser Form nur, weil die Hausverwaltung uns stark unterstützt, und weil sich außerdem so viele Bewohner*innen ehrenamtlich engagieren", so Sack. Alt-Erlaa zeigt damit anhand seines Vereinslebens, wie modernes Wohnen, soziale Vielfalt und gelebte Gemeinschaft miteinander verschmelzen können. Oder, wie Brigitte Sack es wohl sagen würde: Es ist ein Ort, den man nicht in drei Worte fassen kann – sondern erleben muss.
Foto: © R.Gartner/ GESIBA
Brigitte Sacke vor den Bauten, die für sie die Welt bedeuten.


