zum Inhalt zur Navigation

Alt Erlaa – Chronologie eines stadtplanerischen Meilensteins

In 18 Minuten von der Wiener Staatsoper zurück auf den eigenen Balkon im Grünen – und das ganz ohne Auto. Das Projekt „Wohnpark Alt-Erlaa“ im Flächenbezirk Wien-Liesing war ein Kind seiner Zeit – rebellisch, mutig und für damalige Verhältnisse geradewegs revolutionär. Trotz anfänglicher Widerstände und Kontroversen gilt die 1986 fertiggestellte Anlage heute als eines der erfolgreichsten Wohnbauprojekte Wiens.

Die späten 60er-Jahre: Woodstock, Bürgerrechtsbewegung und Wohnpark Alt-Erlaa

Besungen von der Wiener Kultband Wanda und Kulisse namhafter österreichischer Kultfilme, darunter z. B. "Muttertag" und "Komm, süßer Tod", sind die unverwechselbaren Wohnblöcke im Süden der Hauptstadt fünf Jahrzehnte nach ihrem Bau nicht mehr aus dem Wiener Stadtbild wegzudenken.

Die Geschichte des revolutionären Projekts begann im Jahr 1968, als der Planungsauftrag für das von der GESIBA einst erworbene Großgrundstück entlang des Liesingbachs vergeben wurde. Die Zeit, in der der Wohnpark Alt-Erlaa konzipiert und umgesetzt wurde, galt in vielerlei Hinsicht als Zeitenwende. Die ausklingenden 1960er- und anbrechenden 1970er-Jahre standen für Woodstock, den Prager Frühling, Friedensmärsche gegen den Vietnamkrieg und die Bürgerrechtsbewegung. Nicht nur in Wien, sondern in ganz Europa traten damals Reformer gegen Traditionalisten an, emanzipatorische Bewegungen mit neuen, progressiven Ideen sagten den veralteten technokratischen Strukturen auch in der Stadtplanung den Kampf an.

„Alterlaa war ein Kind seiner Zeit“

Das Projekt „Wohnpark Alt-Erlaa“ im Flächenbezirk Wien-Liesing war gewissermaßen ein Kind seiner Zeit – rebellisch, modern und für damalige Begriffe revolutionär anders. Ziel seiner Schöpfer war es, neue Wege im sozialen Wohnbau zu gehen – ein ambitioniertes Vorhaben, das von Beginn an Aufmerksamkeit auf sich zog, aber auch äußerst kontrovers diskutiert wurde.

Der Erstentwurf sah noch knapp 4.200 Wohnungen auf insgesamt 36 Etagen vor. Schlussendlich wurde die Anlage mit rund 3.200 Wohnungen auf einem rund 24 Hektar großen Areal verwirklicht – die ursprünglichen Leitgedanken des von der GESIBA mitinitiierten Projekts blieben stets bestehen: hohe Wohnqualität, kurze Wege, soziale Durchmischung, gelebte Nachbarschaft und großzügig gestaltete Frei-, Außen- und Freizeitflächen – all das sollte der fertiggestellte Wohnpark seinen Bewohner*innen bieten.

Chronologie des Glücks

Mit dem Jahr 1973 – dem Baubeginn der Blöcke A und B – nahm das von Harry Glück entworfene Jahrhundertprojekt Gestalt an. Im Dezember 1976 wurden die ersten Wohnungen in Block A bezogen, dessen vollständige Besiedelung bis Ende 1977 abgeschlossen war. Rund zwei Jahre später folgte Block B, der als „großer Bruder“ seines Nachbarn mit einer um etwa 7.000 m² größeren Nutzfläche konzipiert worden war.

Parallel zum Wohnbau entstanden wichtige soziale und infrastrukturelle Einrichtungen, die den Wohnpark bis heute prägen: der erste Mieter*innenbeirat, das Kommunikationszentrum Alt-Erlaa, die Wohnparkkirche Alt-Erlaa, sowie die in den Wohnpark integrierte Schule. Auch Kunst und Kultur waren von Beginn an integraler Bestandteil des Konzepts. In Block A finden sich Werke von Alfred Hrdlicka und Georg Eisler, zudem beherbergt er das „Freddy-Quinn-Museum“, das das künstlerische Schaffen des Sängers lückenlos dokumentiert.

Im Verlauf der späten 1970er-Jahre wurde dem Wohnpark Schritt für Schritt Gemeinschaftsleben eingehaucht. Zahlreiche Vereine und Initiativen entstanden, darunter ein Modellbauverein, der Foto- und Videoclub, der Wohnpark-Freizeit-Club sowie der Kultur- und Sportverband Alt-Erlaa. Mit der Eröffnung der Rundturnhalle, des Kaufparks und der Straßenbahnlinie 64 – dem Vorläufer der heutigen U6- – wuchs auch die infrastrukturelle Bedeutung des Wohnparks stetig.

Ein Wohnbau in zwei Liesinger Bezirksteilen…

1981 begann der Bau von Block C, dessen Bewohner*innen vier Jahre später, im Jahr 1985, ihre Wohnungen beziehen konnten. Der ursprünglich geplante Block D wurde hingegen nie realisiert. Ein bemerkenswertes Detail ist die geografische Lage der Anlage: Während Block A dem Liesinger Stadtteil Inzersdorf zuzuordnen ist, befinden sich die Blöcke B und C im Stadtteil Atzgersdorf.

Die Eröffnung der U-Bahn-Station Alterlaa im Jahr 1995 bedeutete für die Bewohnerinnen des Wohnparks Alt-Erlaa eine Art Zeitenwende. Mit der Verlängerung der Linie U6 rückte auch für die "Alt-Erlaaianer" die Wiener Innenstadt ein großes Stück näher; Arbeits-, Ausbildungs- und Freizeitwege wurden wesentlich kürzer und der eigene PKW somit weniger wichtig. Zu Ehren seines Schöpfers wurde anlässlich seines 90. Geburtstags das zuvor unbenannte, 123.000 m² große Grünareal rund um die Wohnblöcke im Jahr 2015 „Harry-Glück-Park“ benannt.

„Sein“ Wohnpark Alt-Erlaa war für Glück ein nie abgeschlossenes Werk. Bis zu seinem Tod im Jahr 2016 nahm er aktiv an Ideen zur Weiterentwicklung des Projekts teil.